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Kulturtipps für Zuhause Buchtipp 

Literatur für Zuhause (5)

Lesen statt Lesungen

Eine weitere Empfehlung der Sektion Literatur. Helmi Dietz stellt ein Buch vor, das vor allem von schwäbischen Eltern gelesen werden sollte, deren erwachsene Kinder in Berlin leben.

Was lesen Sie gerade?
Anke Stellings Roman »Schäfchen im Trockenen«.

Warum gerade jetzt dieses Buch?

Es strotzt so vor Empörung und Wut, das lenkt schön ab von Corona und Einschränkungen. Die Protagonistin Resi (heißt so nach Parrhesia, Mut zur Wahrheit, sagt Anke Stelling in Bezug auf Michel Foucault) lebt mit altem, bislang treuem Freundeskreis, Ehemann und vier Kindern in Berlin. Die Freunde ziehen als Baugruppe in ein eigenes Haus, Resi und Familie können wegen Geldmangels (Mann Künstler, sie Schriftstellerin) nicht mit, sie schreibt über diese Erfahrungen Artikel und Buch – die alten Freunde fühlen sich bloßgestellt, kündigen die Freundschaft auf und dazu noch die Wohnung, in der sie wohnt. Eine neue, erschwingliche zu bekommen, stellt sich als unmöglich heraus. Sie muss raus aus der Innenstadt, raus aus ihrem Milieu.

Existenz- und Abstiegsangst ergreifen sie. Da sitzt sie nun in ihrer Schreibkammer - voll Zorn und unstillbarem Bedürfnis nach Freundschaft und Zugehörigkeit, Wut und Verletzung, trauert verpassten Chancen nach, forscht nach soziokulturellen Gründen für ihren Rauswurf aus der Freundesclique und schreibt voll Wut, Empörung und Enttäuschung als Warnung an ihre 14-jährige Tochter die Geschichte ihrer Herkunft und die der Freunde auf.

Literarisch »fein« ist die Sprache dieses Romans nicht, die Schilderungen von Situationen und Personen aber sind treffend und oft schön ironisch. Insgesamt führt das zu einer »atemlosen, empörten Lektüre« (Jens Bisky), auch weil die soziale Wirklichkeit eine nicht unerhebliche Rolle spielt.

Wem würden Sie das Buch empfehlen?
Zum Beispiel all den schwäbischen Eltern, die erwachsene Kinder in Berlin haben, – deren Nerven aber gut genug sein müssen, um von Abstiegsängsten erwachsener Kinder schwäbischer Eltern in Berlin zu lesen. Oder lieber doch diesen »erwachsenen Kindern« selbst, weil sie vielleicht ein paar Bekannte in dem Buch treffen?

Kein Kino, kein Theater. Die Liste all dessen, was gerade nicht mehr zur Verfügung steht, ist lang. Dem Buch kommt in dieser Zeit eine besondere Bedeutung zu: »Die Pest« von Albert Camus ist längst ausverkauft, viele Leser greifen wieder zu Thomas Manns »Zauberberg« und lesen gebannt von den Ereignissen in einem Lungensanatorium. Aber auch ganz abseits thematisch wieder aktueller Bücher wird gerade häufiger gelesen. Unsere Empfehlungen präsentieren wir in der Form eines kurzen Fragenkatalogs.

Frühere Folgen der Reihe findet Ihr in unserem Archiv.

 

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