Aufstiege 2016

Schorndorf beteiligte sich am Lichtkunstfestival 'Aufstiege' der KulturRegion Stuttgart vom 17. September bis 9. Oktober 2016.

In 27 Städten und Gemeinden konnten nach Einbruch der Dunkelheit drei Wochen lang Installationen und Projektionen auf zahlreichen Treppen und Anstiegen entdeckt werden.

Schorndorf beteiligte sich mit drei Lichtkunstwerken.

Michaela Gleave

We Are Made of Stardust

Michaela Gleave

In großen Lettern leuchtete auf dem Parkdeck des Bantel-Parkhauses der Schriftzug „We Are Made of Stardust“. Die Farben der LED-Buchstaben verändern sich langsam durch das Spektrum von Rot zu Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett. Die überdimensionale Leuchtschrift, die an eine Leuchtreklame erinnert, lädt zur Reflexion über das Universum und unseren Platz darin ein. Mit ihrem Text verortet die Künstlerin die menschliche Existenz in den unermesslichen Weiten des Alls, deren Teil wir sind. Zugleich verweist Gleave auf den kosmischen Staub, als die Substanz, aus der letztendlich alles besteht.

„We Are Made of Stardust“ ist die Fortführung einer Reihe von Projekten, in denen sich Michaela Gleave mit dem Raum des Alls und der Astronomie beschäftigt. Gleave interessiert die Erforschung der Bedingungen, die unsere Realität bestimmen. Sie untersucht die Formen, wie wir diese wahrnehmen und interpretieren.

Dabei verbindet sie verschiedene Zeichen- und Funktionssysteme. Mit ihrer Installation in Schorndorf kombinierte Gleave die Leuchtschrift der Werbung mit den universellen Aussagen der Kosmologie. Die Nüchternheit der wissenschaftlichen Erkenntnis wird dabei zur poetischen Botschaft, die uns auf einer sinnlich verführerischen Ebene erreicht, wie es sonst die Werbung tut. Mit ihren Worten verweist die Künstlerin auf die Verfasstheit der irdischen Existenz als Teil einer kosmischen Wolke. Sie erinnert uns an die Schönheit des Seins, das keine andere Gegenwart hat, als den Augenblick der Verdichtung des kosmischen Staubs. Mit ihrer Arbeit stellt Gleave aber auch einen Bezug zu den irdischen Ordnungssystemen her: Sie bringt ins Bewusstsein, dass wir alle aus dem gleichen Material sind wie der Boden unter unseren Füßen und die Sterne, die über uns leuchten. Sie stellt damit die Ordnung sozialer Hierarchien grundlegend infrage.

Mit ihren konzeptuellen Arbeiten erforscht die australische Künstlerin Michaela Gleave die Erscheinungsformen der Wirklichkeit und wie wir diese verstehen. Sie fokussiert hierbei das menschliche Verhältnis zu den grundlegenden Phänomenen der Existenz: Zeit, Raum und Materie.
Gleave nutzt digitale Medien, arbeitet performativ und baut große Skulpturen, die häufig betreten und erfahren werden können. Fluide und immaterielle Elemente wie Gas, Wasser und Licht treffen auf massive Konstruktionen.

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John Wood & Paul Harrison

Night and Day

John Wood & Paul Harrison

Was für Kistenformen gibt es, in die ein menschlicher Körper hineinpasst? Was passiert, wenn man auf einem Halbrund steht? Wie interagiert man mit einem Holzbrett oder einem Stuhl, der einen stößt? Was kann man mit zwölf Deckenleuchten in einem nicht allzu großen Raum machen?

Das Künstlerduo Paul Harrison und John Wood zeigt in seinen Videoarbeiten zugleich nüchterne wie humoristische Experimente. Die Handlungen finden dabei immer in neutralweißen, kubusförmigen Räumen, meist in ihrem Studio, aber auch mal auf der Ladefläche eines fahrenden Lastkraftwagens statt. Die Interaktion zwischen den handelnden Figuren und den minimalistisch-skulpturalen Objekten bewegt sich dabei zwischen Kalkül und Vergeblichkeit.

Über der E-Bike-Station auf dem Schorndorfer Karlsplatz war im endlosen Loop die Videoarbeit „Night and Day“ zu sehen. Paul Harrison und John Wood untersuchen darin auf ihre Art statische und bewegliche Requisiten, den Sound der Umgebung und aufgezeichnete Geräusche in der Interaktion mit den unterschiedlichsten Formen künstlichen Lichts. Das Licht geht an: Zwei an der Wand lehnende Stühle werden zur absurden Skulptur; das Licht geht aus und wieder an: zwei an der Wand stehende Personen (die Künstler) werden zu Protagonisten eines Stummfilmplots: „They were in the right place“. Aus immer neuen Variationen in verschiedenen Höhen herabhängender Leuchten entwickelt sich eine Art Lampenballett; ein Satellit fällt zur Erde; zwei Figuren tanzen wie wild. Aus den lose aneinandergereihten Akten und Aktionen entsteht eine filmische Performance voller Komik über die Triumphe und Beschwerlichkeiten des Kunstschaffens und das Überleben als Künstler. Das Licht wird darin zum metaphorischen und skulpturalen Nebendarsteller.

John Wood, geboren 1969 in Hongkong, und Paul Harrison, geboren 1966 in Großbritannien, können als Pendant zu Laurel und Hardy der Kunst beschrieben werden. Sie machen Einkanal- und Multi-Screen-Video-Arbeiten, Drucke, Zeichnungen und Skulpturen. Mit ihren nicht immer erfolgreichen Experimenten mit Bewegung und Materialien, die, wie der Kritiker Tom Lubbock schreibt, häufig „Skulpturale Pannen“ sind, setzen Harrison und Wood eine enorme Erfindungskraft, subtile Slapstick und einen Hauch Melancholie frei. Sie zeigen die Inspiration und den Schweiß – sowie die gelegentliche Verzweiflung - die hinter jedem kreativen Akt steckt. John Wood und Paul Harrison arbeiten seit 1993 zusammen. Sie leben und arbeiten in Bristol, Großbritannien.

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Zilla Leutenegger

Scala

Zilla Leutenegger

Eine Frau sitzt auf einer Treppenstufe, sie spielt mit ihren Fingern, wippt mit den Beinen, umfasst ihre Hände mit den Knien. Sie scheint auf etwas zu warten, sich zu langweilen. Ihr Nichtstun jedoch ist ein scheinbares Nichtstun, der unruhige Geist manifestiert sich in den beiläufigen Bewegungen des Körpers. Mit ihrer Videoinstallation „Scala“ verwickelt die Züricher Künstlerin Zilla Leutenegger den Betrachtenden in ein Spiel von Realität und Fiktion. Mithilfe eines Videoprojektors wirft sie den schwarzen Umriss einer sitzenden Frau so geschickt an die Mauer, dass der projizierte Schatten auf der realen Treppenstufe zum Sitzen kommt. Unwillkürlich blickt man sich nach dem Ursprung des Schattens um, doch eine reale Person ist nirgends zu entdecken. Ein Moment der Irritation entsteht. Eine zusätzliche Realitätsebene bringt der Betrachter selbst ins Werk.

Bewegt er sich direkt vor dem Projektor, erscheint auch sein eigener Schatten innerhalb des hellen Spotlights. Durch das Zusammenspiel von Licht und Abwesenheit von Licht entsteht eine Schattenzeichnung, eine Schattenfigur.

Die Frau, die auf der Treppe sitzt, ist die Künstlerin selbst und gleichzeitig eine Form, ein Umriss, eine Metapher, die für das allgemein Menschliche steht. Leutenegger arbeitet mit figurativen und erzählerischen Motiven und Strukturen und erzeugt trotzdem abstrakte Sinn-Anstöße. Mithilfe von Licht und Dunkel inszeniert sie an der Schorndorfer Rathaustreppe Grundfragen menschlicher Existenz: Wer bin ich und was tue ich hier? Was ist echt und was ist Schein?

Zilla Leutenegger wurde 1968 in Zürich geboren, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Von 1995 bis 1999 studierte sie Bildende Kunst an der Züricher Höheren Schule für Gestaltung und Kunst. In ihrem Werk verbindet sie verschiedene künstlerische Herangehensweisen. So arbeitet sie häufig mit per Video projizierten Zeichnungen und bezieht reale Gegenstände und Raumgegebenheiten in ihre Installationen mit ein. Thematisch setzt sie sich bevorzugt mit Alltagsphänomenen auseinander. Als fiktionale Figur tritt sie teils selbst in ihrem Werk in Erscheinung. So konnten Besucher der Ausstellung „Ring my Bell“ in der Pinakothek der Moderne 2015 Leutenbergers gezeichnetes Alter Ego „Z“ in einer teils realen, teils projizierten Apartmentumgebung bei Alltagsverrichtungen beobachten.

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