STANDORT:
OBERER MARKTPLATZ, MARMOR, 1987
Bildhauerische Arbeit muss oft standhalten im öffentlichen
Raum. Auf dem Schorndorfer Marktplatz steht eine Arbeit Altins,
die zunächst ein Stein des Anstoßes war. Der
Stein hat einen Namen: „Fortschnittschritt“.
Was der Name sagt,zeigt der Stein. Es handelt sich um eine
Stele, durch die von unten nach oben aufsteigend eine Sägespur
verläuft. In den Stein einschneidend dringt die Säge
fortschreitend vor. Sie zerstört den Stein. Sie wird
auch, wenn sie weiter vordringt, sich selbst vernichten, nämlich
dann, wenn der Stein auseinanderbricht. Er ist ein Denk-mal
im Wortsinn. – Der Stein hat zwei Hauptansichten, die
eine zeigt den natürlichen Bruch, die andere den vom
Menschen geglätteten Block. Beide Seiten zieht der
Schnitt der Säge in Mitleidenschaft. Dies
gemeinsame Element vermittelt zwischen der Gegensätzlichkeit
der beiden Seiten, dem Relief voll Bewegung und raumbildender
Kraft gegen die raumabweisende Glätte auf der polierten
Seite mit ihrer lebhaften Maserung, Farbigkeit und Kühle.
So ist der Stein ein Angebot an den Menschen zu tasten und
zu be-greifen – den Stein und mit seiner Hilfe etwas
vom eigenen Leben. Es ist angewiesen auf den Planeten
Erde, aus dem der Stein herausgebrochen ist und hat sich mit
fortschreitender Geschichte perfektioniert, wie das Ensemble
des umgebenden Marktplatzes mit Fachwerkhäusern
und modernster Technik in den Geschäften vor Augen führt.
In dieser Gegenwart stellt Altins Denkmal Fragen an die Zukunft.
HÜSYIN ALTIN
1944 in Denizli/Türkei geboren
1967–73 Studium Staatl. Akademie der Bildenden Künste,
Stuttgart
1997 Erich-Heckel-Preis des Künstlerbundes Baden-Württemberg
Lebt und arbeitet in Urbach
TEXT: DR. ULRIKE REIN
FOTO: WALTER KRIEG